Ankommen und weggehn

Einfach so
steh ich dumm rum
sitz ich dumm rum

ich tu nichts
ich muss nichts
ich will nichts
einfach so
sitze stehe liege ich
dumm rum

ich bin einfach da
im Nichtstun
und Nichts-Wollen

merkwürdig
ungewohnt

Bin ich jetzt alt
bin ich jetzt nutzlos
könnte ich abtreten

Ja
Ich bin ziemlich alt
und ziemlich nutzlos
und ich könnte einfach gehen

nachdem ich angekommen bin
im Da-Sein
im Hier-Sein
im Nirgends- und Überall-Sein

Meine Falten

Was kümmern mich die Falten
in meinem Gesicht
die Denkfalten
die Lachfalten
die Gramfalten
die Zornfalten

was kümmern sie mich
solang die Augen blitzen
der Mund küsst
und die Wangen glänzen
vor Freude und Neugier

was kümmern sie mich
solange meine Augen
sich mit Tränen füllen können
der Zorn den Worten
Klarheit verleiht
und ein zärtlicher Blick
die Züge weich werden lässt

was kümmert mich
der Verfall der äußeren Schönheit
solange der Reichtum innen wächst

Liebevoll betrachte ich mein Gesicht
und ehre die Spuren
die in den Falten sichtbar sind
und die mein Leben beherbergen.

Aufstieg

Einmal war ich schon an der Grenze
nicht mehr aufgewacht
aus dem Betäubungsschlaf
die Ärzte fanden Hilfe
im letzten Augenblick
ein freundlicher Mann
stand neben mir
im no-where
der nahm mich nicht mit
und verschwand

Dann das Himmelszelt
funkelnde Sterne
unsäglich schön
und ich war dort oben
einer von ihnen
Alles war gut

Tage später
wach geworden im Hier und Jetzt
mit hartem Aufprall
aus der Einheit gefallen
in irdische Dualität
Ströme von Tränen
hilflos entsetzt
ohne Weg zurück.

Warum war ich noch da
Jahre später die Erkenntnis
Zwischenwelten
erkunden begehen erweitern
die Grenze
die ich schon kannte
durchlässig machen
für Menschen
in Unwissenheit und Angst

Wird mir
wenn es meine Zeit ist
das Sterben leicht sein
aus der schmerzlichen Zerrissenheit
des Hierseins
in die unteilbare Einheit
Vielleicht kenne ich den Weg schon
und werde freundlich abgeholt

Gesättigt

Ich habe mich satt gesehen
an tausend Blumen
am schwerelosen Vogelflug
am Glanz von Edelsteinen

ich habe mich satt getrunken
an Regenwolken
an Abendsonnen
und Vollmonden

ich habe mich satt gestreichelt
in zärtlichen Berührungen
in weichen Katzenfellen
und Wortmelodien von Gedichten

ich habe mich satt gefreut
an gelungener Arbeit
an spielenden Kindern
und tanzenden Schmetterlingen

Ich habe genug gelitten
an Lügen von Menschen
an Verblendung und Machtgelüsten
an Mord und Tod und Teufeln

ich habe genug getragen
an meinen eigenen Päckchen
an Last und Leid anderer
an der Geschichte meines Volkes

Ich bin gesättigt
mit Menschenkontakten
mit der Schönheit unserer Welt
mit Werden Wachsen und Vergehn

Kein Hunger nach Leben mehr
dafür Hunger nach Verwandlung
von Körper und Seele
in Geist und Licht

es war gut
es ist gut

Ausstieg

alt werden
alt sein
wir sind unterwegs
ohne Fahrschein
wir wissen den Weg nicht

die Richtung heißt Sterben
Endstation
oder umsteigen
wir wissen es nicht

Holzbänke oder Luxusklasse
alle sind gleich
ein Trost
wie ich finde
einen leichten Ausstieg
kann man nicht kaufen
auch die Fenster nicht öffnen
um sich zu orientieren

Mit vielen im Abteil
und doch
ganz mit sich allein

Und dann
kommt der berühmte Tunnel
und zieht uns hinein
je mehr das Licht in uns schon leuchtet
desto stärker
die Anziehungskraft

und ehe ich mich versehe
bin ich ein Lichtpunkt
am Himmel

und ehe du dich versiehst
bist du verwandelt
in was —

Zwischenraum

Ich möchte dir zuhören
wenn du sprichst
über die Schmerzen
über die Ärzte
und deine Hoffnung

Ich möchte bei dir sein
wenn du mich brauchst
ich sehe dich
und höre dich

Hörst du dich auch
hörst du was dir
dein Körper
vielleicht sagen will
horchst du hinein
in deine Tiefe
und fragst deine Seele
nach ihrem Weg

Ich möchte dich auch fragen dürfen
wie hältst du es mit dem Sterben Schwester
ist es dein Feind
oder ein Teil von dir

Wir sind so unwissend
und ängstlich
und stumm
ich möchte der Unwissenheit
und der Angst
einen Raum geben
zwischen uns
den wir teilen und halten
damit sie da sein dürfen
die Gefühle
damit sie Worte bekommen
oder gemeinsames Schweigen

und Gesten
die uns begleiten können
auf dem Weg hier
und hinüber

Die Schwelle

Er ist über die Schwelle gegangen
sagten sie bei der Abschiedsfeier.

Ich frage mich
welche Schwelle
die zwischen Leben und Tod
Zeit und Ewigkeit
oder zwischen Sterben und Leben
zwischen Materie und Geist
zwischen Schein und Sein
zwischen Spiegelung und wahrem Selbst

Da steht sie
die große Menschheitsfrage
mit uns am Grab
und stürzt uns in Verwirrung

Und sie hält uns wach
mit Blick auf uns selbst
mit der Einladung
jetzt schon
durchlässig zu werden
für den unhörbaren Klang und
durchscheinend
für das noch nicht Sichtbare

wissend um die Schwelle
die uns noch trennt
und die nicht mehr da sein wird
im Augenblick
des Überschreitens

„Der Tod ist ein Bote der Freude“ *

Dies wissend
tief innen

kann ich die Kleider ablegen
wie in Erwartung einer zärtlichen Berührung
und ein weißes Totenhemd anziehn
wie in Erwartung des Lichts

kann ich mich niederlegen zur Ruhe
vielleicht noch
jemandem die Hand reichen in Verbundenheit
einen Blick tauschen
ein letztes Mal
und mich aus allen Bezügen lösen

möchte ich meinen Körper ablegen
wie ein Kleid
ihm danken für seinen Dienst und
ihn zurückgeben an seinen Ursprung

möchte ich das Zeitliche segnen
dankbar für alles
die Augen schließen
und ausatmen
bis der Weg frei ist
und ich abgeholt werde
zum Fest der Freude
zu dem ich geladen bin

* Willigis Jäger,
katholischer Mönch und Zen-Meister