Herzhören

Da sitzt er
der schwarze Amselmann
auf der allerhöchsten Spitze
meiner Tanne.

Er reckt den Hals
und jubiliert
und variiert
und improvisiert.

Er ist präsent
er lässt sich hören und sehen
um Eindruck zu machen
auf Amseldamen
und Mitbewerber
auch.

Ich stehe auf dem Balkon
sehe ihn
und schließe die Augen
damit die Ohren
und das Herz
weit aufgehn.

Davon weiß er nichts
er kennt mich nicht
er will nicht mich beglücken
und tut es doch.

Absichtslos
lehrt er mich hören
und schenkt mir
tiefe Freude im Herzen.

Maitanz

Der Himmel strahlt blau
die Apfelblütenblätter
tanzen über mir
bevor sie das frische Gras
weiß betupfen

Die dicken Hummeln
und die schlanken Bienen
brummeln und summeln
um die weißen Blüten
und stecken ihre Nasen hinein
Ich vermute
sie genießen den Nektar
und mit den gelben Pollenhöschen
fliegen sie dann
– andere Blüten zärtlich bestäubend –
zu ihrer Brut
und nähren sie und uns mit Süßem
großzügige Geschenke der Natur

Ich liege im Gras
dankbar und glücklich
Blütenblätter
schwimmen in meinem Tee

über mir
tanzen die Mücken
und hoch oben
die zurückgekehrten Schwalben

Was für ein Tanz in den Mai!

Sommerkuss

Über mir ist alles lila und grün:
der Sommerflieder blüht.
Ich liege darunter
und schaue hoch.
Alle lieben ihn:
die kleinen Fliegen, die Bienen
die Hummeln
und natürlich die Schmetterlinge.

Wenn die Sonne scheint,
lockt er sie
und gibt ihnen alles
was er zu bieten hat.

Die Hummel und der Schmetterling
sie sitzen friedlich nebeneinander
die Hummel bleibt und summt
Der leichtfüßige Schmetterling
ist jetzt hier
und gleich dort.

Verweilen ist nicht seine Sache.
Doch dann und wann
bleibt er für einen Moment,
klappt die Flügel
zu und wieder auf
und zeigt kurz seine volle Schönheit.

Vielleicht dufte auch ich ein wenig,
denn unerwartet
streift er leicht mein Haar
und schenkt mir
einen zärtlichen Sommerkuss.

Manchmal trifft einer
einen anderen auf der Blüte,
als wären sie verabredet
und gleich tanzen sie
– einander umkreisend –
wirbelnd davon
im Sonnenlicht.

Was ist Zeit?
Ich liege da und schaue.

Vorbereitung

Sie sitzen in meiner Tanne
ich sehe sie nicht
ich höre sie nur
unaufhörlich
schwätzen sie
stundenlang
die Stare
vor ihrer großen Reise

was reden sie
über die Reiseroute
nein die wissen sie
vielleicht
verbinden sie sich
stärken sich
vergewissern sich
der Zusammengehörigkeit
ihres Schwarms

bevor sie
eines Tages
den Gemeinschaftsbaum
umkreisen
und Abschied nehmen
von unserem Sommer
und in südlichere Sommer ziehen

Auch ich werde Abschied nehmen
meinen Garten verlassen
davon ziehen
in ein fremdes bekanntes Land

Wann wird der Zeitpunkt sein
was wird das Ritual sein
zu meinem Abschied

Manche begleiten mich
tatkräftig oder in Gedanken

aber ziehen tue ich allein
anders als die Stare
spüre ich
was sind wir Menschen doch einsam

Wachsen im Schnee

Du Samenkorn warm und beschützt unterm Schnee

Wenn du den Frühling ahnst
drängt dich eine unaufhaltsame Kraft
zu wachsen
gegen den Druck der weißen Hülle
eisig an der zarten Knospe
durch Dunkelheit und Kälte
vorwärts und hinauf

Ebenso meine Seele

Macht der Mächtigen über mir
Seelenlosigkeit des Technischen um mich
Zwietracht und Angst zwischen Menschen

Und in mir der unaufhaltsame Drang
zu wachsen

Wie sammelst du deine Kraft
um durchzubrechen ins Licht
zum blühenden Leben
zu dem du bestimmt bist

Soldanelle Schwester
wenn wir blühen sind wir schön
und in unserer Verletzlichkeit
rühmen wir die Stärke Gottes.

Oberstdorf 80er Jahre

Abendsonne

Goldne Abendsonne
immer findest du
ein Loch zwischen den Blättern
und ziehst mich in deinen Bann.
Ich kann den Blick nicht von dir lassen
und schaue dir
direkt ins Gesicht.
Du ergreifst mich
und durchglühst mich
mit feuriger Kraft.
Ich bleibe,
solang ich dich sehen kann,
trinke dein Licht
in mich hinein
bis du untergehst.

Nein, du gehst nicht unter.
Du bleibst.      Wir
wenden uns von dir ab
der Dunkelheit entgegen.

So lasse ich dich endlich,
atme ein und atme aus,
schließe die Augen
und segne die Nacht,
wissend
dass am nächsten Morgen,
dein goldener Glanz
das Land wieder weckt.

Die Linde im Pfarrgarten

I

Stark steht sie da
ein Baum wie ein Kerl

Einmal im Jahr
verwandelt sie sich:
sie schiebt Blüten
Abermillionen
und stattet sie aus
mit Nektar und Duft.
Dann bittet sie zu Tisch.

Ja und sie kommen
Abertausende.
Sie bedienen sich und
bringen davon ihrer Brut
den Bienen
des kommenden Jahrs.

Und
einmal im Jahr
verwandelt sich
die Festigkeit des Baums
in eine feine Schwingung.
Abermillionen Flügelschläge
der dankbaren Gäste
verbinden sich
zu einem einzigen Ton
und hüllen ihn ein.
Dann ist es
als würde die starke Linde
selbst zufrieden summen.
Einmal im Jahr.

II

Wenig später
lässt sie es regnen
der Wind hilft ihr dabei.

Bei jedem Stoß
fliegen sie herunter
abertausende Samenkörner
versehen mit einem Blättchen
perfekt zum Segeln geeignet.
Einige tun das elegant
andere drehn sich quirlig
um ihre eigene Achse.
Dann liegen sie da
und bedecken das Gras und die Wege.
Sie werden weggefegt
dienen den Vögeln als Futter
und bergen die Hoffnung
auf neues Lindenleben.

Die Weisheit der Natur
ist der ewige Kreislauf
von werden, fruchtbar sein und vergehn.
Wir Menschen wissen das
und sind doch so oft gefangen
im Streben nach linearem Fortgang.
Ja, Wissen
ist eben nicht dasselbe
wie Weisheit.

Bergsee

Du bist wie meine Seele

unberührt rein spiegelst du
die Vögel, die Wolken, die Gipfel.

Wenig später – verstört –
ist nichts in dir zu sehn,
bis du – wieder beruhigt –
dem Himmel gleichst.

Schön bist du
grün und tief und abgründig,

wie meine Seele bist du.

Wenn ich mich hinein fallen lasse
falle ich dann in den Abgrund
oder in den Himmel?