Nichts ist, was es ist

In aller Ohnmacht
ahne ich die Macht

In allem Selbstzweifel
ahne ich das Selbst

In aller Abgrundtiefe
ahne ich den Grund

In allem Irrsinn
ahne ich den Sinn

Nichts ist, was es ist

In Allem liegt
der Keim der Wandlung
Das ist das Leben

Berührung

Ohnmacht gibt alle Macht auf

Irrsinn lässt alle Suche nach Sinn los

Selbstzweifel lässt den Zweifel gehn

der Abgrund öffnet sich der Leere

Berührung mit der Buddha-Natur
wird möglich

Ich gehe vorüber

Ich gehe vorüber in der Zeit

wozu also die Abstürze und die Höhenflüge
und
all die Windungen im Labyrinth?

Um gehen zu lernen ohne Ziel
um fliegen zu lernen ohne Flügel?

Sicherlich:
um in der Zeit die Zeit zu überwinden

und schließlich:
das Zeitliche zu segnen.

Angekommen

Angekommen
hier
hier und jetzt

im großen Dasein zuhause
Lächeln

Göttlich einfach

Eine Rose ist eine Rose
ist eine Rose
eine Seele ist eine Seele
ist eine Seele
göttlichen Ursprungs sind beide
Was gibt es da zu deuteln?

Tausende Arten von Rosen
unzählige Arten von Seelen
kennen wir
das Viele hat uns verwirrt
hat uns das Einfache
vergessen lassen

Das Vergessen ist tief
das Wissen um den Ursprung verloren?
Das kann nicht sein

Dann und wann
taucht ein Mensch auf
der durchscheinend ist
der strahlt
aus der göttlichen Tiefe

Und wir wissen wieder:
eine Rose ist eine Rose
ist eine Rose
eine Seele ist eine Seele
ist eine Seele
es ist was es ist

die Rose die Seele
der Ursprung:

göttlich einfach
einfach göttlich

Kommen und Gehen

Ich atme ein
tief
Atem ist kostbar

doch er will nicht bleiben
und geht gleich wieder fort

er kommt nur
als Geschenk und Angebot

nehme ich das Geschenk nicht an
verhungere ich
halte ich ihn fest
ersticke ich
lasse ich ihn strömen
wird er zur Welle

er lehrt mich
das Kommenlassen
und das Gehenlassen:

so heiße ich dich willkommen
du Atemwelle
ich nehme dein Geschenk
und halte dich nicht

und atme aus
und atme ein
und ströme
und lebe
Leben ist kostbar

Dieser Schmerz ist nicht (nur) meiner

Mein Herz schmerzt,
Schmerz?
Nein, es ist dumpf, beschwert und müde

Schwer ist es
freudig zu leben
in schwieriger Zeit

Die Großmutter
ein zartes Persönchen
bringt acht Kinder
zur Welt und groß
in Zeiten des 1. Weltkriegs.
Hunderttausende Männer
brechen auf und sterben
Goldschmuck wird eingesammelt
um den Irrsinn zu finanzieren.

Gäste sind der Hunger
und die Tuberkulose
Die Motten* zerfressen von innen
was außen zerbricht.
Die Großmutter hält stand
wie Kriegsmütter es tun.

Die andere Großmutter
verlässt Mann und Kinder
und geht aus dem Leben.
Was war ihr Schmerz?
Wer hat sie betrauert damals?
Im Tabu ist sie verschwunden.

Neunzig Jahre später
im Ahnenritual
bricht sich der Schmerz Bahn
und ich werde von Entsetzen geschüttelt.

Die Mutter
kennt die Grausamkeit und den Schmerz
den der Krieg in den Familien verteilt
schon aus der Jugend.

In der Blüte ihrer Jahre
und der Freude am Leben
ist er wieder da.

Am Tage des Kriegsausbruchs
schenkt sie einem Kind das Leben
im Jahr von Stalingrad bin ich geboren.
Ihr Herz ist schwer
die Zukunft bedroht.
Um der Bedrohung zu entfliehen
Abschied und Flucht
Vieles zerbricht.

Depression zerfrisst
die Lebensfreude
die Motten zerfressen die Lunge
und der Lebensatem ist schwach.
Sie kämpft weiter
wie Kriegsmütter es tun.
Neue Zukunft entsteht.
Darunter verborgen:
Trauer um Verlorenes
und Schmerz
erstarrt im Schweigen.

Ich selbst, Enkelin und Tochter
begegne der Liebe meines Lebens
Witz und Lebensfreude
umhüllen eine tiefe Verzweiflung.
Ich liebe die Freude und das Leid in seinen Augen
Die Gefühle fließen ineinander
und kurz darauf
zerfressen die Motten auch meine Lunge.
Ich gehe zu Boden
Lebens- und Liebesfreude
sind bedroht.

Schwere
Schmerz Trauer und Leid
sind ein permanenter Strom
in meinem Leben
unter meiner TatkraftFORTSETZUNG  ▶︎

Dieser Schmerz und dieses Leid
sind nicht nur meine:
Bis ins dritte und vierte Glied
sind wir verbunden
mit unseren Müttern
im Leiden und in der Freude
weiß schon die Bibel

Ist es so
dass ich aus Liebe
übernommen habe
Schweigen und Tabus zu öffnen
Klagen Schmerz und Trauer
den Weg zu bahnen
aus der Erstarrung
ins Fließen

Leid Kampf und Stärke
zu sehen und zu würdigen
– stellvertretend –
und in Mitgefühl zu hüllen?

Dies zu tun
ohne selbst im Leid zu versinken
ohne mich zerfressen zu lassen
alles der Kraft der Transformation
anzuvertrauen
ins Licht zu stellen
sie und mich

einzubinden ins große Ganze
im tiefen Wissen
dass das Individuelle
durchzogen ist
von der universellen Intelligenz
dem Stirb und Werde
immer

„Dieser Schmerz ist nicht meiner“, Buch von Mark Wolynn* die „Motten“: Insiderbegriff für Tuberkelbazillen

Leidenswegende

Wandernde Schmerzen
Krankheitdurchwühltes Gehirn
Hausputz in den Gedärmen

Tränen fließen
Bodensatz von altem Leiden
wird weggespült
ins große Meer
Sonne scheint zum Fenster herein
grüßt mich und erhellt meinen Blick
Heilungszeit

Der Fernseher bringt die Welt an mein Bett
Alles bleibt im Abstand:
Bomben Zerstörung und helfende Hände
verwüstete Natur und blühende Landstriche
sterbende Soldaten und neugeborene Babys

Ein weiser Taoist sagt mir:
„Es gibt Gut und es gibt Böse
und das ist gut.
Es gibt Vollkommenheit und Unvollkommenheit
und das ist vollkommen.“ *

Ich lerne:
In der Entfernung sitzen
und schauen
und wissen
alles ist vollkommen.

Das ist der Weg.

* T´ao Shan