Herkunft

Es ist schwarz im Mutterbauch
meine Beine sind weg geklappt
ich kann sie nicht bewegen
ich habe Angst
der Mutterbauch ist voller Angst
es ist Krieg
der Boden unter den Füßen schwankt

Festigkeit bieten
die zermalmenden Panzerketten
die kontinuierlich rollenden Wagons
die brüllenden Stimmen der Männer
die Vormarsch befehlen

trügerisch alles

Wie soll ein kleines unfertiges Menschlein
da Mut fassen
in diese Welt zu gehen?

Und doch:
hineingeboren in eine liebende Familie
verbunden mit dem Überlebensmut
der Fluchtmutter
in die Arme genommen
von kriegs- und lebenserfahrenen Großeltern

so bin ich da
und so gehe ich
Schritt für Schritt voran
und begreife im Gehen
dass ich ausgestattet bin
mit Lebendigkeit und Kraft
von Mutter und Vater
eigener Neugier und
Lebensenergie
und so erlebe ich
Schritt für Schritt:

Stehen und gehen
in dieser Welt
ist möglich.

Abspaltung

Du bist ein Flüchtlingskind.
Am ersten Tag der Flucht
hattest du Geburtstag
3 Jahre alt wurdest du
im Zug irgendwo.
Erinnerungen an die 5 Tage der Flucht?
Nichts. Absolut nichts.
Die Angst hat alles überschrieben.
Traumatisierung
Abspaltung der Gefühle
Dissoziation
so nennt man das professionell.

Wenn du deine Gefühle gefühlt hättest
Du wärest abgestürzt, wohin?

So hast du ohne Erinnerung überlebt.
Ohne bewusste Erinnerung
Denn der Körper hat vieles gespeichert.
Du kennst etwas von den Einzelheiten,

aber erst heute kommen Gefühle dazu.
Heute – als Erwachsene –
heute kannst du sie fühlen
– nur ganz ansatzweise –
und aushalten
(wie gut)
denn sie sind seelen-bedrohlich
und zerstörerisch
bis in Mark und Bein
auch heute noch.

Jetzt kannst du den Körper halten und wärmen
Und die Gefühle zu dir nehmen,
ganz nah
die Abspaltung heilen, ein wenig
ein ganzer Mensch werden
kriegs- und lebenserfahren
und du kannst andere Menschen begleiten
auf ihrem Weg
zu den nicht gefühlten
und gefürchteten Gefühlen
ihrer traumatischen Erlebnisse.

Keine Tränen – kein Trost

Nun ist es Gewissheit:
der Vater ist tot.
Nie wieder wird er bei uns sein.

Die Mutter weint nicht.
Der Schmerz würde sie überwältigen.
Gemeinsame Trauer gibt es nicht.
Keine Tränen
also auch kein Trost.

Wo sind die Tränen der Kinder?
Sie verflüchtigen sich nicht.
Sie wandern nach innen,
sitzen in der Kehle
im Herzen
im Gemüt
und die Zellen füllen sich
mit Schwere und Ernst.

Nein, die Welt ist nicht zum Lachen.
Wo sollte das Lachen auch sitzen?
Im Bauch?
Da ist es dunkel und schwer.
Vielleicht sind da Tränen gebunkert.
Manchmal gibt es da
so einen Sog nach unten,
mit dem Lachen und Lebenslust verschwinden.
Nein, das Leben ist nicht zum Lachen.

Es gibt die Möglichkeit,
die Tränen im See zu ertränken,
zu ertrinken.
Ja, diese Möglichkeit gibt es.

Und Trost.
Woher sollte der kommen?
Die Mutter selbst ist ungetröstet.FORTSETZUNG  ▶︎

So singen wir gemeinsam:
„Befiehl du deine Wege
und was dein Herze kränkt,
der aller treusten Pflege,
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
wo dein Fuß gehen kann.“

Hat es die Kinder getröstet?
Nein, aber wohl getragen
in der Verlorenheit
und den Schoß der Familie gestärkt.

Und der Schmerz des Verlustes?
Er verbarg sich tief innen
und nagte an Seele und Leib.
Er ließ sie Sicherheit suchen
und große Sprünge vermeiden
und machte jeden späteren Verlust
doppelt schwer, ja lebensbedrohlich.
Die Herzen blieben suchend
voll Sehnsucht nach Liebe und Trost.

Manchmal weint in ihnen das Kind von früher
und zeigt seinen Schmerz.
Und das ist gut so.
Jetzt kann die Erwachsene das Kind
selbst in die Arme nehmen,
mit ihm weinen und es trösten.
Vielleicht singen: „Möge Heilung geschehn…“

Ich verneige mich
und würdige
den Schmerz und die Trauer
der Kriegskinder (damals und jetzt),
ihren Mut und ihre Tapferkeit,
weiter zu gehen.
Und ich danke für alles, was sie
– trotz allem –
zu den Menschen gemacht hat,
die sie heute sind.


Kriegskinder

Kriegskinder haben keine geordnete Kindheit
keine geordnete Seele
– wie auch –
sie sind Überforderte
Überlebende
in Einsamkeit und Verlorenheit Getauchte

Sie sind Suchende
suchend nach Boden unter den Füßen
nach Beistand
nach Weg
nach sich selbst

Im besten Falle
sind sie – langsam – Heilende
sich Versöhnende
Weg Findende
in einer Ordnung
die aus ihnen selbst geboren wird

und die dann – vielleicht –
über sie hinaus führt
in eine größere Ordnung
die sie hält
und die ihre Vergangenheit
Gegenwart und Zukunft
freundlich umschließt.

bodenlos

Ich kann mich nicht mehr halten
an das was ist
ab jetzt ist es nicht mehr
es war
es ist vorbei
es ist gewesen

der boden schwankt
wo soll ich stehen
woran mich halten

gibt es das bodenlose wirklich

oder gibt es woanders
wieder etwas festes
auf dem ich stehen
und gehen kann?

Ist der umbruch
„nur“ ein durchgang

Nein
es gibt kein hindurch gehen
nur ein los lassen
sich hindurch fallen lassen
durch die tiefe angst
vor verlorenheit
im niemandsland
vor dem ort
wo es kein zurück mehr gibt
und noch kein vorne

aushalten
sich aushalten in der angst
die tief in den zellen sitzt
seit den verlusten
und verlorenheiten
der kindheit

Sehnsucht nach Vater

Einmal, in der Meditation,
sitze ich auf seinen Schultern
als Kind.
Ich weiß, er trägt mich.

Einmal, im Traum ganz klar,
ist er da.
Ich weiß, er sieht mich
als Erwachsene.

Gehend über das Massengrab
in der Ukraine
sind unsere Herzen vereint.
Ich weiß: er ist im Frieden.

Meine Sehnsucht nach Vater ist gestillt.

Befreiung

Befreiung von der tiefen Scham
von der großen Last
der deutschen Verbrechen
Geht das?

Die Filme
über die Leichenberge in den KZ`s
das Tagebuch der Anne Frank
ich lade die Last auf meine Schultern
Ich bin 15

Oradour sur Glane (F)
Vergeltungsort für Widerstand
alle Menschen eingesperrt
und angezündet (1944)
Franzosen zeigen mir das Mahnmal
ich versteinere, sterbe vor Scham
Ich bin 25

Wie kann ich jemals leben
als aufrechte Deutsche?
Ich weiß es nicht.

Doch es gab Menschen in meinem Leben:

René Bolle-Reddat
Abbé der Wallfahrtskirche
von Ronchamp (F)
er hat sich der Versöhnung verschrieben
er bittet mich
das Evangelium zu lesen
in der Messe
auf Deutsch
Ich bin 35

Später bringe ich Deutsche
an diesen heilsamen Ort
auf der Pyramide
gebaut aus Steinen
der deutschen Zerstörung
begrüßen wir die aufgehende Sonne
Ich bin 45FORTSETZUNG  ▶︎

Willy Brandt
1977 in Warschau
am Mahnmal des Ghettos
sinkt er in die Knie
ohne Worte
in Demut

Martin Schröter
aus meiner Gemeinschaft
Soldat im Russlandfeldzug
er fasst den Mut
als alter Mann
Veteranen zu begegnen
in Russland
Schuld zu bekennen
um Vergebung zu bitten
Ich bin 50

Der Rabbiner
der kleine Rebbe in Slavuta (Ukraine)
wir stehen am Brunnen
in den die SS die Babys warf
um Kugeln zu sparen
und am Erschießungsplatz
ungezählter Juden und russischer Soldaten
er schaut uns freundlich an
sein Herz ist offen
Ich bin 75

Joachim Gauck
der deutsche Bundespräsident
er steht in Oradour
– wo ich stand
50 Jahre zuvor –
mit einem Überlebenden
und Hollande
dem französischen Präsidenten
sie stehen im Schweigen
ein Zeichen von VersöhnungFORTSETZUNG  ▶︎

Und er steht in Kiew
an der Schlucht Babyn Jar
die Kiewer Juden und viele andere
fielen erschossen in diese Schlucht
er steht da
und bekennt deutsche Schuld
Ich bin 75

Herman van Veen
der Musiker und Clown
aus Holland
er hat seine Kinderangst
vor den Deutschen
in Musik verwandelt
und beschenkt uns
in Ost und West
mit Zärtlichkeit und Schönheit

Dank lebt in meinem Herzen
für diese Menschen.

Durch ihr Tun
und durch ihr Schweigen
ist meine Last verringert
die gefühlte Schuld geteilt.

Ich kann – mit ihnen im Rücken –
aufrecht stehen
als deutsche Frau
im Strom
unserer Geschichte.

Vaterland – Mutterland

Der Großvater Hugo
jetzt schaut er freundlich auf uns
seine Nachkommen
Die Großmutter Marie Johanna
verließ ihre drei Kinder
schied freiwillig aus dem Leben
verzweifelt woran
eines davon war mein Vater

Schlesien Vaterland
fruchtbar hügelig und bergig
oft mit Kriegen überzogen
Lebensraum vieler Vorfahren
seit der Flucht
verloren für uns

Holstein Mutterland
der Großvater Karl-Lauritz
aufrecht im 3. Reich
verlässt die Evangelische Synode aus Protest

Die zarte Großmutter Juliane
8-fache Mutter in Kriegszeiten
nimmt uns drei Flüchtlingskinder
unter ihre Fittiche
Land meiner Kindheit

So viel Freude und Leid
so viel Leben und Sterben
in Kriegs-und Friedenszeiten
lebenserfahren und alt geworden
nehme ich alles an mein Herz
verbinde die Länder in Liebe
zur Heilung für uns alle.

Leid in Verwandlung

Vor langer Zeit
In der Meditation
stand sie plötzlich neben mir
die schöne Weiße Tara.
Ich hörte die Worte:
„Hör auf zu leiden!“
klar und bestimmt
Widerrede zwecklos.
Das saß.

Wie soll das gehen?
Von Mutterleibe an
sind meine Zellen gefüllt mit Leid
dem eigenen und dem Anderer.

Einen weiten Weg
bin ich seitdem gegangen
mit Heilungsschritten
aller Art.

Aber jetzt:
ein Netz aus Verzweiflung und Verlust
hält mich gefangen.
Tod durch eigene Hand
und die Hand von Menschen.
Tränenseen, Land unter!

Ich kann und will mich nicht wehren
Mitleid und Mitweinen
schafft Wärme.
„Hör auf zu leiden!“
Ich höre es wieder
als klare Ansage.

In der Nacht meines Geburtstags
(ich bin kurz vor Mitternacht geboren)
lichtet sich das Dunkel
ich kann es zerreißen
das Spinnennetz
mich befreien
mich verabschieden von den Toten,
Abstand nehmen von den Trauernden

und ich weiß:
„Alles ist gut“
wenn man es als solches annimmt
tief innen.

Ich kann es fühlen und sehen:
Leid in Verwandlung.
Wunderbar.
Und
aus dem Leiden
wird eine schimmernde Perle
auf meinem Lebensfaden.

Heilung oder „Make love not war“

Überall begegne ich ihnen,
den schrecklichen Spuren der Deutschen:
Bunker, Lager, Massengräber…

Der Rucksack der Schuld auf meinem Rücken
ist kleiner geworden im Laufe der Zeit.

Aber die Scham –
sie verdunkelt noch manchmal meinen Blick,
sie klebt mir auf der Haut
oder wohnt in meinen Kleidern.

„Zieh sie aus“, sagt er.
Ich lege die Kleider ab,
strecke den krummen Rücken
und schließe die Augen.
Nackt liege ich da.
Er kommt mir entgegen
und jede Berührung
streicht Scham von meiner Haut
und lässt sie glänzen.

Wir sprechen nicht.
Wir lieben uns
unter den hohlen Augen der Bunker,
ein Norweger und eine Deutsche,
nein,
ein Mann und eine Frau,
und verwandeln Schuld und Scham
in Zärtlichkeit und Schönheit.

1997 (nach einer Begegnung auf den Lofoten)

Wassermann

Ende Januar geboren
bin ich ein Kind des Wassermanns
sein Element ist die Luft

Heute
reite ich des Wassermanns Windpferd
über die mongolische Steppe
und das Wasserland Holland

Teil geworden
tief verbunden
bin ich täglich
Botschafterin
von Geistkraft und Sturmwind
Altes wegzufegen
Raum zu schaffen für morgen
Atem der Transformation
von Getrenntheit zu Gemeinschaft
von "man-kind zu kind-man"
von Materie zu Schwingung

Mitarbeiterin bin ich
Erneuerung zu ermöglichen
in mir selbst
und mutig
im Bewusstsein
von Lebenden und Verstorbenen
da wo sie sich öffnen
bereit zu Neuem

Zuhause in diesen Energien
bin ich
Kind Botschafterin Mitarbeiterin
des Neuen Zeitalters,
dankbar lebendig
kraftvoll und glücklich

Das ist mehr als genug.

Mut

Empfangen in Liebe
getragen in dunkler Zeit
geboren 1942:
ein Jahr von Viehwagons
verbrannter Menschlichkeit
und Asche im Wind
das Jahr
von Schlachten und Verenden
in Stalingrad

Gewaltsame Tode
sind in mir
von alters her:
Scheiterhaufen
rollende Köpfe
Kriege Morde
Selbsttötungen
Ringen um Leben

Abgründe
in die ich
manchmal
den Mut habe
zu blicken
die Kraft
das Unsägliche
auszuhalten –
nach Erlösung lechzenden Seelen
verstorbenen und lebenden
zu begegnen
und nicht zu fliehen.
Das ist schon viel.

Zu bleiben
und selbst nicht zu zerbrechen.
Das ist schon viel.
Meine Stärke
nicht mit Wut und Hass zu nähren

sondern
mit Verletzlichkeit
und Mitgefühl
in das ich
das Grauen betten kann
es einhüllen
mit mir tragen
im tiefen Wissen
dass Verwandlung
möglich wird
wenn die Zeit reif ist.

Stellvertretung

Ich trug auf dem Rücken
ich schleppte auf den Schultern
meine Schuhe waren schwer
überall saß es
der Berg des Leids
die Last der Schuld.

Herz und Seele
waren verdunkelt
immer wieder
die Augen konnten nicht klar sehen
die Gedanken waren nicht frei.

Ich habe die Schuhe abgekratzt
den Schuldrucksack geleert
und den Rücken aufgerichtet.

Es ist Mühe und Arbeit gewesen
und Freude auch.

Ich habe meinen Innenraum durchgefegt
habe die Fenster meiner Seele geputzt.
Dann habe ich mich nieder gelassen
und mein Herz
in beide Hände genommen
lange Zeit,
habe es gewärmt
und genährt
und manchmal geliebt.

Nun darf ich ausruhn,
Freude und Leichtigkeit
die Türen öffnen,
mich versöhnen
mit meinem Lebensweg.FORTSETZUNG  ▶︎

Doch manchmal
treffen mich unversehens
Bilder und Worte von Anderen,
die mein Innerstes aufwühlen,
die mich wüten, heulen
und schreien lassen,
kraftvoll und befreiend,
stellvertretend
für das eingesperrte Leid,
die zurückgehaltene Wut,
die verschluckten Schreie
von vielen Anderen.

Das ist wahrlich kein Leichtes,
kein Frühlingsspaziergang,
wie man so sagt.
Aber ich spüre:
es ist Not-wendig.

Und ich weiß:
es ist meine Aufgabe,
Dunkelheiten zu vertreiben,
Menschenherzen zu befreien.
Ich darf und soll es tun.

Und wenn ich mich
hindurch gewühlt habe
– stellvertretend –
formen sich manchmal
wie von selbst
Worte in mir
zu etwas Neuem,
wie zu diesem Gedicht
und ich kehre zurück
in meinen Frieden.

Bis ans Ende der Zeit

Die Flamme von Pfingsten
damals
Gruß der Heiligen Geistin
an mich
die Tauben
an meinem Futterplatz
stetige Erinnerung

Das Gesicht des Christus
aus dem Bild gestiegen
rief mich empor
berührte mich eben
ein stilles Gegenüber
kostbare Erfahrung
täglich präsent

Ich lag ich in den Armen
von Jesus dem Bruder
körperlich spürbar
angenommen aufgehoben
von Anbeginn der Zeit

Immer ist er
der Jesus und der Christus
Geist und Weisheit
formlose Stille
mein Weg und mein Leben
mein Zuhause
bis ans Ende der Zeit.

In aller Einsamkeit

In aller Einsamkeit bin ich eins
in allem Abgeschnittensein bin ich verbunden
in aller Kleingläubigkeit bin ich groß
in allem Geworfensein bin ich aufgehoben
in allem Nichtwissen weiß ich den Weg.