Alles bist du

Du bist alles
alles ist in dir

sternenstaub und erdenstaub
gestaltet in zeitlicher form

edelstein
pflanze
flügelschlag und
wolfsgeheul
alles ist in dir

wurzelmyzeel unter den bäumen
atemwind über den wipfeln
farben des regenbogens
auf deiner iris

wie herrlich
wie unbegreiflich

liebe und tod
zerstörung und auferstehung
ewiger wandel
alles bist du

Mensch

Mensch
sei dir nicht so sicher

Feuer rückt heran
Wasser unterspült dich
zieht den Boden unter deinen Füßen weg
Stürme nehmen dir das Dach über dem Kopf
Beben reißt die Erde auf
Vulkane speien Feuer

Sei dir nicht so sicher
die Macht liegt nicht in deiner Hand.

„Erkenne dich selbst“
sagt der Weise und
lass die Spielchen
Was willst du auf dem Mond du Witzbold
was willst du mit noch todbringenderen Waffen
du kannst doch schon längst alles vernichten
was willst du mit künstlichen Menschen
sind wir nicht genug Menschen auf der Erde?

Lass die Spielchen der Macht du Gernegroß
Die wirkliche Macht liegt nicht bei dir.

„Kehr um Mensch!“ sagt die Bibel
und „Werde wesentlich“ sagt der Mystiker

Nicht aus dir selbst bist du
aus höherer Hand dir geschenkt
um Mensch zu werden
ein menschlich fühlendes Wesen
auf der geschenkten Erde.

Kehr um!
Dann werden die Elemente sich beruhigen
wie bei der Stillung des Sturms.
Kain und Abel werden sich nicht mehr bekämpfen
und wir sind aufgehoben im Ursprung von Allem.

Staunen

Ich habe die Wüste gesehen
wandernden Sand
starke Felsen
Oasen und Fata Morganas

Ich habe das Wasser gesehen
Endlosigkeit ohne Konturen
Formen die sich erheben
und Sonnen die darin versinken

Berge habe ich gesehen
hochgewachsen in den Himmel
die sich mit Schnee bedecken
und die Götter grüßen

Das Feuer habe ich gerochen
Schwefeldampf aus den Felsspalten
ein heißer Gruß
aus dem Innern der Erde

Ich hab gesehen
was Menschen erschaffen
Hochhäuser Talbrücken
Kuppeln und Dome
Mikroskope und Teleskope
für das Kleinste und für das Größte

Ein Erdling bin ich
aus allen Elementen geworden
in der großen Entwicklung der Zeit.
So bin ich unterwegs
seit 80 Jahren schon
begegne Pflanzen und Tieren
und Menschen aller Art

Ich habe in die
Seelentiefen von Menschen geschaut
habe gestaunt und mich gewundert

Die Frage nach dem
Woher und Wohin
blieb unbeantwortet.

22–2–2022

Wir sind entzweit
aus der Einheit gefallen
in die Dualität
wir sind Getrennte Unverbundene Einzelne

So stehen wir da
beieinander nebeneinander gegenüber
wir können uns anschaun fragen verstehen
und missverstehen übersehen beschädigen

Alles können wir tun und sein
miteinander und gegeneinander
weil wir die Einheit vergessen haben
aus der wir alle kommen

Wir sind entzweit
können miteinander
lachen weinen tanzen
und eben verschmelzen
als Nachgeschmack und Vorgeschmack
auf die Einheit

Wir alle leiden
alles Leiden kommt
aus dem Verlust der Einheit
Alle Sehnsucht in uns
ist Sehnsucht nach der Einheit

Die tiefste Tiefe in uns
reicht hinab und hinauf
in die Einheit
Warum wissen wir das nicht?

Weil die Zweiheit bunt ist und lärmend
und schrecklich schön
und weil wir unser tanzendes Ego
nicht aufgeben wollen
für die Rückkehr in den
Urgrund des Seins

Hunger

Ich hab wenig Hunger
ich hab Traurigkeit

Ich hab wenig Hunger
ich hab Leid

Die Menschen machen so viel Streit
seit ewiger Zeit

Sie könnens nicht lassen
ich will sie nicht hassen

Ich hab so viel Hunger
nach Gerechtigkeit
in allem Streit

So viel Hunger nach Frieden
der ist immer geblieben

So esse ich weiter
Traurigkeit und Leid
Mutlosigkeit und Streit

und kaue
und verdaue
damit es fruchtbar werde
für die Erde.

Kahlkopf

Die Glatzköpfe
werden zahlreicher

und ich meine nicht
die Glatzen
der im Lebenssturm
ergrauten Männer
mit dem Silberkranz
am Hinterkopf

nein
ich meine die jungen Köpfe
die sich freiwillig
kahl und nackt
jedem zeigen

kein Lockenkopf
keine fliegenden Haare im Wind
kahl hart knochig
rund oder eckig

Ich will sie nicht sehen
diese aufdringliche Nacktheit
diese freiwillige Beraubung
der Geschenke der Natur

Ist das:
Persönlichkeitsstilisierung
Selbstkastration
oder Provokation
für solche Menschen wie mich?

Auf jeden Fall:
Ahnungslosigkeit
wie schön es ist
dass die Evolution
uns Pelzreste gelassen hat
hier und dort:

man kann
jemandem liebevoll
übers Haar streichen
sich selbstvergessen
am Kopf kraulen
oder sich die Haare raufen

auch mal Läusen
eine Heimstatt bieten
und sich bekleidet
und gewärmt fühlen
von Mutter Natur.

Verbunden

Überall gibt es sie
die Unendlichkeits-Zeichen:
auf irischen Grabkreuzen
auf Tüchern in buddhistischen Tempeln
in Wandreliefs auf Kreta
als steinernes Band in Pisa

sie kommen zu mir
und ich werde sie nicht mehr los

auf alle möglichen Arten
sagen sie mir:
es gibt keinen Anfang
und kein Ende
mit abtauchen und auftauchen
verschlingen sie Formen
zu einem einzigen Geflecht

sie sagen mir:
die Fülle ist verwoben mit dem Nichts
die Verlassenheit mit der Geborgenheit
der Tod mit dem Geborenwerden

Wenn wir es doch nur fassen könnten

es würde uns verwandeln
ganz und gar

wir wüssten dann:
ich bin das Feste und die Veränderung
ich bin der Regen und die Wolke
ich bin der Sturm und der Vogel im Sturm

wenn wir es fassen könnten
dann fielen wir und stiegen wir
und webten mit am Gewebe des Seins
und fielen letztendlich
hinein in eine mystische Tiefe
in so etwas wie die Hand Gottes

Lerne

Lerne das Nicht-Wissen
Lerne dass die Erde sich dreht
und der Horizont sich ständig verändert
Lerne das Nicht-Wollen
und das Scheitern der Pläne
Lerne die Planlosigkeit
und das Fahren auf Sicht
Lerne den nächstenSchritt zu tun
ohne das Ziel zu wissen

Löse die verkrampften Hände
die festhalten wollen
Löse das krampfhafte Denken
das wissen will
Entferne dich von jeder Bewertung

Sei mutig
Geh hinein in das Nicht-Wissen
Du findest dort offenen Raum
sogarFreiheit
wenn du sie aushalten kannst

Sei mutig und vertraue
dann zeigt sich:
du bist geführt

Drehung

Die Sonne
sie geht nicht unter
sie kommt nicht wieder
Wir sind es
die sich wegdrehen
in die Dunkelheit
und das Vergessen umarmen
die sich hindrehn
zum Licht
und erblinden
wenn wir unser Maß nicht kennen

Wir drehen uns und kreisen
um unser kleines Ego
um unsere irdischen Phantasmen
und um die Sonne
als lebenden Stern
im All
das aus Energien besteht
aus Löchern

und ein paar Punkten
die manchmal
ihre Wange
der Sonne zudrehn
die nicht untergeht
und nicht wiederkommt
sondern die ist
während wir drehen und kreisen
unaufhörlich
bis wir
aus der Drehung springen
in einer Spirale
und uns verflüchtigen
als Mensch
und irgendwann
als Erde